Marc Adrian

Hermann Hendrich
Zu den literarischen arbeiten von Marc Adrian
GanganNr49

Wenn wir uns den literarischen arbeiten von Adrian zuwenden, vielleicht ein schmales, aber komplett veröffentlichtes werk mit zwei büchern, einer reihe von kurzen texten, einem theaterstück in kooperation mit anderen [1] und einer bestechenden übersetzung aus dem amerikanischen, sollten wir auch daran denken, wie die offizielle geschichte der literatur, freilich auch der modernen, immer von ihren eingeprägten oder eingebildeten gipfelhöhen ausgeht, und in den häufigsten fällen den ursprünglichen breiten und personenreichen kreativen sumpf partout nicht erkennen will. Freilich sollen die werke für sich sprechen, aber wenn es keine laudatores gibt, diese arbeiten einem breiteren lesepublikum vorzustellen, bleiben sie in den bibliotheken und auf den ikea brettern einiger interessierten intellektuellen stehen.

Eine neue generation von angehenden künstlern, schriftstellern, dichtern, musikern , komponisten, architekten der geburtsjahrgänge um 1930, auch verbunden mit jungen vertretern der sich aus dem rassismus befreienden wissenschaft der völkerkunde, versammelten sich mit beginn der fünfziger jahre in kleinen und größeren gruppierungen; eines der wichtigsten sammelbecken für diese frauen und männer  war der art club in der Wiener innenstadt, der so genannte strohkoffer. Geteilt wurde die ablehnung gegen die an den faschismus angepasste kunsthaltung, es gab informationen über die kunstentwicklung der 30er jahre, die vorher völlig unterdrückt worden waren, und manche künstler und schriftsteller, die quasi untergetaucht überlebten, Gütersloh sei als beispiel genannt, konnten ihre erfahrungen an die junge generation weitergeben. Marc mit seinen 20 jahren sog alles neue in sich auf, und konnte es auch so ordnen, dass es ihm in seinem letztendlich ungebrochenen gestaltungswillen zu diensten kam. Wie er insbesondere den losen kreis der – wie er schreibt – interessierten (Achleitner, Artmann, Bayer, Contreras, Ferra, Kölz, Jelinek, Potzelberger, Wobik, Rühm, Wiener) an den problemen der dichtung, musik und der bildenden künste darstellt, ist aus heutiger sicht von enormen interesse, haben sich doch die künste alle seitdem in ihre eigenen vier wände zurückgezogen. Für diese damalige zeit gibt es zeugnisse von Okopenko, Rühm, und zuletzt von Oswald Wiener, (Zur ausstellung „10 optische Gestaltungen“ im Jänner 1960 in der Galerie junger Generation am Börseplatz lasen Wiener, Rühm und Bayer, und Wiener legte ein blatt mit äusserst interessanten bemerkungen über dieses thema vor, das leider bei uns allen, die an den veranstaltungen teilnahmen, nicht mehr auffindbar ist.

Was hat man sich damals vorgenommen: das schreiben aus dem empfundenen, dem illusionismus, der einladung zum nachverfolgen des schicksals irgendeiner im text beschriebenen person herauszuführen, wie immer geartete andere prinzipien der anordnung von sätzen und wörtern anzunehmen. 1957 beendet Marc die ‚theorie des methodischen inventionismus’, der unter der beteiligung der in seinem atelier in der Oberen Donaustraße häufig anwesenden künstlerkollegen leider erst 1980 in der edition neue texte veröffentlicht werden konnte. Die mit hilfe dieser schreibtechnik geschaffenen texte der jahre von 53 bis 60 sind eben unter dem titel ‚inventionen’ ebendort erschienen. Dazu gehört allerdings auch die haltung sprachliches als material anzusehen, das nicht von augenblicklichen eingebungen gestaltet wird, sondern von einem kalkül.

Freilich hat die mathematische grundlage des „inventionismus“ sowie sein studium der wahrnehmungspsychologie an der UNI Wien neue möglichkeiten für seine bildnerische arbeit und den präzisen schnittprogrammen für seine filme mit sich gebracht.

Mit diesem rüstzeug ausgestattet, zu dem noch die kenntnis der cut-up und montage technik dazu gekommen war, erarbeitete Adrian zwischen 1966 und 69 eine anzahl von kürzeren texten, die in lesungen in verschiedenen galerien von ihm vorgetragen wurden. Leider fanden sie erst wesentlich später zu einer Veröffentlichung, sodass ihre wirkung auf die leseabende beschränkt blieb.

Auf grund aller dieser überlegungen und weiterführenden gedanken war Marc von den in der mitte der 60er jahre beginnenden möglichkeiten des computers fasziniert, auch in seinem filmischen werk hatte er sich damit auseinandergesetzt, nun gab die bekanntschaft mit einem programmierer am IBM und dem ähnlich gesinnten Gottfried Schlemmer die möglichkeit, völlig neue gestaltungen für ein theaterstück, das SYSPOT genannt wurde, auszuprobieren. Für die bühne wurde das stück nur in einer aufführung vom ersten Wiener Lesetheaters erarbeitet, aber in den protokollen 1970 abgedruckt.

Die intensive beschäftigung mit dem werk von Kenneth Patchen, insbesondere dessen meisterwerk Sleepers Awake, das Marc für den März Verlag übersetzte, verschafften ihm noch weiterreichende gestaltungsmöglichkeit. Patchen hatte ja nicht nur die visuelle und konkrete poesie vorausgenommen, sondern auch spezielle techniken der montage entwickelt, viele jahre vor Konrad Bayer. Als ergebnis dieser vielschichtigen anregung dürfen wir die wunschpumpe als die große montagearbeit betrachten, die 1991 erschien.

Wie ich in der vergangenheit einigemale ausführen durfte, hat Adrian in den von ihm meisterlich beherrschten künstlerischen disziplinen sein großes kreatives potenzial einbringen können, und seine neuen gestaltungsmethoden auch weitergeben können, in Cambridge, USA; Hamburg, Stuttgart. Zu erwähnen ist auch, dass er mit seiner aktivität in literarischen, insbesondere in der GAAV,  kreisen eine kleine gruppe von dichterInnen  der nächsten generation, unter ihnen Loidl oder Katt befreunden konnte, die sich mit seinen schreibmethoden intensiv auseinandergesetzt hatten.

Als abschluss oder auftrag an uns, die wir kreativ tätig sind:

„wir wirklichkeitsmacher“

wirklichkeit kommt vom wirken, das heißt vom machen.
schon diese herkunft deutet die machbarkeit des wirklichen an.

KONVENTIONEN

wo man hinschaut!
was man
sieht, hört, fühlt,
schmeckt man.
wie lernt man?

man sieht etwas bekanntes und
riecht dazu etwas unbekanntes.

p.e. faules fleisch (bekannt?)
in spiritus (innovation!). (*)

später lernt man dann schnaps trinken
und die grundregeln der bodenpflege
und kennt dann also den spiritus
in- und auswendig.

man hat ihn

GELERNT.

(kombinatorik macht klüger –
oder, jedenfalls, erfahrener.)

all das gelernte zusammen heißt

WIRKLICHKEIT.

natürlich gibt es dabei wichtiges und unwichtiges.
was wichtig ist weiß

DER STAAT

und seine beauftragten. denn sonst gäbe es ja
keine möglichkeit zur

KOMMUNIKATION

und das friedliche zusammenleben der menschen
wäre sehr schwierig.

was wichtig ist, lernt man in der schule

(wo es einem hübsch eingebläut wird, damit
man auch ja die

RICHTIGE WIRKLICHKEIT

innekriegt.)

aber natürlich sind da die lehrer
oft in peinlicher verlegenheit.

(wo sollen sie so viel wirklichkeit
herkriegen, wie sie zum lehren
brauchen?)

daher hat der staat uns,

DIE KÜNSTLER.

wir sind spezialisten für kombinatorik und machen
soviel wirklichkeit, wie gebraucht wird.

aber natürlich wissen wir künstler das nicht
so genau wie der staat und seine beauftragten.
und daher machen wir manchmal auch wirklichkeiten
die man nicht so gut brauchen kann.

(dann schlägt uns der staat züchtig aufs maul.)

DIE WIRKLICHKEITEN

legt der staat in die lade und kramt sie raus,
wenn er dafür eine verwendung hat.

dann bezahlt er die künstler,
wenn sie nicht schon tot sind.

wien, aug. 12/69
(marc adrian)


(*) anmerkung: in diesem konkreten fall handelt es sich um ein konserviertes blutiges menschenhirn im einmachglas in der vitrine der prosektur.

aus: Marc Adrian, die maschinentexte. Gangan Verlag, Wien und Sydney 1996/2013

 

Bezogene Veröffentlichungen:

Adrian. M 1980, vorbemerkung (© 1957) in „marc adrian inventionen“, edition neue texte, Linz 1980

Hendrich H., 1993, ‚Der mehrdimensionale Künstler Marc Adrian’ in BLIMP Filmmagazin, No. 24, Graz 1993, S. 20-21.

Okopenko A. 2000 ‚Die schwierigen Anfänge österreichischer Progressivliteratur nach 1945’ in Andreas Okopenko, Gesammelte Aufsätze, Band 1, Ritter Literatur, Klagenfurt & Wien, 2000, S. 13-38

Rühm G., 1980. nachwort in „marc adrian inventionen“, edition neue texte, Linz 1980

Wiener O., 2015. ‚Anfänge’ in: „Konrad Bayer,: Texte, Bilder, Sounds. Paul Zsolnay Verlag Wien 2015, S. 278-286

Umfassende Information:

marc adrian: Katalog der Neuen Galerie Graz, Hrsg.: Anna Artaker, Peter Weibel. Ritter Verlag Klagenfurt 2007

Marc Adrian: Das filmische Werk, Hrsg.:  Otto Mörth.
Sonderzahl Verlag Wien 1998

aus: IDIOME, Hefte für Neue Prosa Nr. 10.
© 2016 Hermann J. Hendrich

[1] Liste der Publikationen von Marc Adrian

das mammut. ein lehrstück. edition werkstatt breitenbrunn, Breitenbrunn 1969 und in Neues Forum Heft 247/248, Juli/August 1974, s. 30-33 und in: die maschinentexte, Gangan Verlag 1996

SYSPOT (mai – juli 1968)  Zus. mit G. Schlemmer & H. Wegscheider, in protokolle, ’70; Jugend & Volk, Wien 1970 S. 86-96 und in: die maschinentexte, Gangan Verlag 1996

poémes inventionistes, zusammen mit moucle blackout. Siebdrucke Format 295 x 315 mm, Spiralbindung, Hamburg 1972

marc adrian inventionen. nachwort gerhard rühm. edition neue texte © Marc Adrian 1980, ISBN 3-9000292-13-2

Kenneth Patchen: Schläfer erwacht. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Marc Adrian, Originalausgabe: Sleepers Awake 1946, © März Verlag GmbH 1983, ISBN 3-88880-038-2

4 Stücke für John Cage, in Ganganbuch 5, Jahrbuch für zeitgenössische Literatur, Graz/Wien 1988, S. 12-15, ISBN 3-900530-09-2

DIE WUNSCHPUMPE. Eine Wiener Montage. © Gangan Verlag Graz-Wien-Sydney 1991, ISBN 3-900530-18-1 www.gangan.com/buecher/Adrian_Marc.shtml

scenario für herrn h. in Neues Forum Nr. 452/454, Wien, Juli 1991, S. 57-63 und in: die maschinentexte, Gangan Verlag 1996

bein ade! bade nie. in Linzer Notate Positionen, Blattwerk Linz/wien 1994, S.116-120 und in: die maschinentexte, Gangan Verlag 1996

die maschinentexte (E-Book, online). montagen, textsynthesen, computer generierte texte, permutationen (1966-69), © Marc Adrian & gangan books australia (Raw Cut 1996) www.gangan.com/ebooks/adrian/index.shtml

die maschinentexte (iBooks, download). montagen, textsynthesen, computer generierte texte, permutationen (1966-69), © Marc Adrian & gangan books australia (iBooks 2013) ISBN 978-3-900530-25-9 https://itunes.apple.com/at/book/die-maschinentexte/id777136916?l=en&mt=11

KENNETH PATCHEN und die amerikanische nachkriegsgesellschaft
© 1994 in STRUKTUREN ERZÄHLEN – DIE MODERNE DER TEXTE, Hrsg. Herbert J. Wimmer, edition praesens, Wien 1996, ISBN 3-901126-35-X. S. 33-53 ***

gegen das vergessen, © 2000 Marc Adrian in: fern schwarz
versammlung struktureller texte 1960 bis 2000. Academic Publishers/Graz, 2000, ISBN 3-901519-08-4, S. I bis VII

kurzer versuch einer stelllungnahme zu drei texten von hermann hendrich
© 2005 Marc Adrian in Gesammelte Texte; zehn, bergsommer und andere in Werkauswahl. Edition die Donau hinunter, Wien 2005, ISBN 3-901233-31-8, S. 9 – 20

Veröffentlichungen in der Zeitschrift Freibord:
schotter der erinnerung
in Nr. 20, 1980, S. 64-68
kindsbraut in Nr. 21, 1980, S. 16-18
filmrealität und textrealität
in Nr. 52/52, 1986, S. 7-26
beschreibung einer anwesenheit (Auszug 1966) in Nr. 57, 1987, S. 39-40
die wunschpumpe (Auszug) in Nr. 76, 1991, S. 7-41
frie der… in Nr. 91, 1995, S. 18

Manuskript-Faksimile in „marc adrian, Katalog zur Ausstellung in der Neuen Galerie Graz 2007“ Ritter Verlag Klagenfurt 2007, ISBN 978-3-85415-412-9

Diverse Manuskripte im Literaturarchiv der Österr. Nationalbibliothek

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